Duale Berufsbildung: (k)ein Auslaufmodell?
01.10.10
Rund 400 Fachleute besuchten die von der Swissmem Berufsbildung organisierten Fachtagungen, die im September 2010 in Bern, Olten, Zürich, Cham und St. Gallen durchgeführt wurden. Im Zentrum stand die Diskussion um die Zukunft der dualen Berufsbildung der Schweiz.
Hans Ulrich Stöckling, Stiftungsratspräsident von SwissSkills und ehemaliger Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz präsentierte die Erfolgsgeschichte des dualen Bildungsweges der Schweiz. Als entscheidenden Vorteil der Berufsbildung erachtet er die Tatsache, dass sich Berufslernende täglich durch praktische Arbeiten bewähren müssen und sich dadurch breit gefächerte und qualitativ hoch stehende Handlungskompetenzen aneignen. Die Erfahrungen in der realen und oft harten Arbeitswelt befähigen die Berufsleute, Lösungen auch für von der Routine abweichende und unvorhersehbare Aufgabenstellungen zu finden. Der hervorragende zweite Rang in der Nationenwertung an Berufsweltmeisterschaften Calgary von 2009 zeigt auf eindrückliche Weise diese Stärke der Schweizer Berufsbildung.
Die kontinuierlich steigenden Anforderungen erachtet Stöckling als die grösste Herausforderung für die Berufsbildung. Angesichts der Tendenz, dass schulisch stärkere Jugendliche vermehrt zur Matura drängen und folglich das Lehrlingsreservoir mit weniger gut qualifizierten Schülern gefüllt wird, öffnet sich eine ungesunde Schere. Viele Lernende bringen heute zu wenige Grundkompetenzen mit.
Unter der Leitung von Professor Walther Zimmerli, Präsident der Universität Cottbus, hat der Verbund der «Akademien der Wissenschaften Schweiz» (a+) ein Weissbuch zur Zukunft der Bildung bis 2030 verfasst. In der Presse wurden die Überlegungen der Studie zur Aussage zugespitzt, das duale Berufsbildungssystem der Schweiz sei ein «Auslaufmodell». Die Thematisierung des Weissbuches in den Medien hat in bildungsinteressierten Kreisen der Schweiz zu eine anhaltende Debatte auch bezüglich der dualen beruflichen Grundbildung ausgelöst.
Professor Zimmerli, der an den Fachtagungen in Cham und Zürich referierte, differenzierte jedoch die in den Medien stark vereinfachte Darstellung des Weissbuches. Grundsätzlich anerkennt er die Erfolge des dualen Bildungssystems. Er stellt allerdings dessen Zukunftsfähigkeit in Frage. Die Hochtechnologie und deren rascher Wandel mache allgemeinere und wissenschaftlichere berufliche Grundkompetenzen nötig, die zur stetigen Fortbildung befähigen sollen. Hier stosse der traditionelle Weg der berufständischen Ausbildung an seine Grenzen.
Trend zur Verbindung von Wissen und Können
In Europa ist eine inhaltliche Annäherung zwischen Berufsbildung und universitärem Weg zu beobachten. Das wissenschaftliche Grundwissen in der Lehrlings- und Meisterausbildung gewinnt gegenüber dem handwerklichen Können an Bedeutung. Auf der anderen Seite zeigen die Hochschulen und Universitäten eine starke Tendenz zu mehr Praxis und Wirtschaftnähe. Es steht deshalb die Frage im Raum, ob diese beiden Bildungssysteme in Zukunft zusammenwachsen und dereinst ein homogenes Bildungssystem entstehen wird.
Arthur W. Glättli, Geschäftsleiter von Swissmem Berufsbildung, betonte in seinem Vortrag, dass die duale Grundbildung nach wie vor ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Konkurrenzfähigkeit des Werkplatzes Schweiz in der globalisierten Wirtschaft darstelle. Die Berufsbildung ist nicht nur Garant für die sprichwörtlich hohe Qualität von Schweizer Produkten, sondern ist auch die Quelle eines grossen Pools von praxiserfahrenen Menschen, aus denen fähige und innovative Ingenieure für die Schweizer Industrie hervorgehen. Gerade an diesen Fachleuten fehlt es in der Schweiz an allen Ecken und Enden.
Gerade wegen des klaren Bekenntnisses von Swissmem zur dualen Grundbildung verfolgt sie die Entwicklung des nationalen und internationalen Bildungssystems aufmerksam, um diese in der zukünftigen Gestaltung des dualen Berufsbildungssystem berücksichtigen zu können. Bereits heute werden in den technischen Berufslehren die modernen, computerbasierten Technologien vermittelt und die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen gefördert.
Für weitere Auskünfte steht ihnen Arthur Glättli gerne zur Verfügung (Tel 052 260 55 66; a.glaettli@swissmem.ch).
Impressionen von den Fachtagungen 2010

