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ETH-Studie untersucht Umweltwirkungen der MEM-Industrie

Von: Dr. Sonja Studer, Ressortleiterin Energie

27.06.18

Am Industrietag 2018 präsentierte Swissmem die Ergebnisse einer neuen Studie zu den Umweltwirkungen der Schweizer MEM-Industrie. Die Analyse der ETH Zürich macht deutlich, welche Bedeutung die internationalen Zulieferketten und der Zugang zu den Weltmärkten für die Schweizer MEM-Industrie haben und wo die grössten Hebel für Emissionseinsparung und Ressourcenschonung liegen.

Das Institut für Umweltingenieurwissenschaften der ETH Zürich hat im Auftrag von Swissmem eine Analyse der Umweltauswirkungen der Schweizer MEM-Industrie erarbeitet. Deren wichtigste Erkenntnisse wurden am 19. Juni anlässlich des Industrietags 2018 unter dem Titel «Zukunft gestalten – mit High-Tech aus der Industrie zu einer nachhaltigen Wirtschaft» der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Das Forscherteam der ETH untersuchte die Umweltwirkungen auf Ebene der gesamten MEM-Industrie und ihrer einzelnen Sektoren. Für die Quantifizierung und Analyse stützte es sich auf sogenannte «environmentally extended Multiregionale Input-Output-Tabellen». Mit dieser Methode lassen sich monetäre Flüsse, Emissionen und Materialflüsse innerhalb internationaler Wirtschaftskreisläufe und Zulieferketten abbilden. Ergänzt wurde die Analyse durch Fallstudien ausgewählter Produktgruppen. Die Studie betrachtet drei Kategorien von Umweltwirkungen: Klimawandel (d.h. Treibhausgas-Emissionen), Versauerung und Feinstaub-Emissionen.

 

Die MEM-Industrie wirkt sich in zweierlei Hinsicht auf die Umwelt aus: Zum einen durch ihre Produktionsprozesse in der Schweiz und in den ausländischen Zulieferketten, zum anderen durch die Nutzung der von ihr hergestellten Geräte, Maschinen und Anlagen durch Kunden auf der ganzen Welt.

 

Grösste Potenziale in der ausländischen Zulieferkette

 

Die ETH-Studie macht deutlich, wie international verflochten die Schweizer Industrie ist. Der weitaus grösste Teil der Umweltwirkung aus der Herstellung von Schweizer MEM-Produkten fällt in der ausländischen Zulieferkette an. Konkret entstehen rund 80% der Treibhausgasemissionen, 85% der Versauerungswirkung und 95% der Feinstaubemissionen im Ausland.

 

Werden Produktionsprozesse ins Ausland verlagert, äussert sich das tendenziell in einer Zunahme der Emissionen. Das liegt daran, dass die Schweizer MEM-Industrie im internationalen Vergleich emissionsarm produziert. Dazu tragen verschiedene Faktoren bei: Zum einen profitiert die Schweizer Industrie vom CO2-armen Strommix, der sich positiv auf alle untersuchten Umwelteffekte auswirkt. Darüber hinaus haben die MEM-Unternehmen in Massnahmen zur Effizienzsteigerung und Substitution fossiler Brennstoffe und umweltschädlicher Materialien investiert. Und schliesslich hat auch der Schweizer Branchenmix mit seinem vergleichsweise tiefen Anteil an energieintensiven Basisindustrien einen Einfluss.

 

Für Swissmem wird damit klar: Wenn es gelingt, die industrielle Produktion in der Schweiz zu halten, nützt das nicht nur den Unternehmen und ihren Mitarbeitenden, sondern auch der Umwelt. Weiter verdeutlicht die Studie, dass sich das weitaus grösste Potenzial für Massnahmen zur Emissionsreduktion in der ausländischen Zulieferkette befindet. Auf diese können die Schweizer Unternehmen nur teilweise Einfluss nehmen. Die Politik kann sie dabei unterstützen, etwa bei der laufenden Revision des CO2-Gesetzes für den Zeitraum nach 2020. Dort kann sie nämlich sicherstellen, dass die internationalen Marktmechanismen, die das Pariser Klimaübereinkommen vorsieht, dereinst von Schweizer Unternehmen auch tatsächlich genutzt werden können.

 

Auch wenn der Hebel in der Zulieferkette klar am grössten ist, bestehen auch in der Schweiz nach wie vor Potenziale für Massnahmen zur Emissionsreduktion und Effizienzsteigerung. Die Erfahrung zeigt, dass in nahezu jedem Unternehmen noch unentdeckte Potenziale liegen, deren Ausschöpfung sich oft auch wirtschaftlich lohnt. Organisationen wie die Energieagentur der Wirtschaft (EnAW) oder Reffnet unterstützen die Unternehmen schon seit Jahren dabei, diese Potenziale zu finden und auszuschöpfen. Auch hier kann das zukünftige CO2-Gesetz Unterstützung bieten, etwa indem es allen interessierten Unternehmen den Abschluss einer Verminderungsverpflichtung mit Befreiung von der CO2-Abgabe ermöglicht.

 

Skaleneffekte durch optimierte MEM-Produkte

 

Die Untersuchung der Zuliefer- und Herstellungsprozesse liefert ein zwar aufschlussreiches, aber unvollständiges Bild der Umweltwirkungen der Schweizer MEM-Industrie. Denn eine sehr wichtige Rolle spielen auch die MEM-Produkte selbst. Ein grosser Teil der von Schweizer MEM-Unternehmen hergestellten Maschinen, Anlagen, Geräte und Komponenten stehen bei Kunden weltweit über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg, manchmal praktisch ununterbrochen, im Einsatz. Diese Produkte haben in der Nutzungsphase meist eine weit grössere Umweltwirkung als bei ihrer Herstellung. Diese schon länger bekannte Tatsache wird von den Autoren der ETH-Studie erneut bestätigt.

 

Damit wird deutlich, auf welche Weise die Schweizer MEM-Industrie am meisten zum globalen Umweltschutz beitragen kann: nämlich indem sie auf innovatives, gezieltes Produktdesign für effiziente und emissionsarme Produkte, auch bekannt als Ecodesign, setzt. Die Skaleneffekte, die sich damit weltweit erzielen lassen, übertreffen die Umweltwirkung, die aus der Herstellung dieser Produkte resultiert, oft bei weitem.

 

Plädoyer für offene Märkte

 

Allerdings kann die Optimierung einen Punkt (den «Tipping Point») erreichen, in welchem die Umweltbelastung bei der Herstellung in der gleichen Grössenordnung liegt wie diejenige der Nutzung. Das bedeutet, dass weitere Effizienzmassnahmen für den Betrieb, welche mit einem grösseren Energie- oder Materialaufwand bei der Herstellung verbunden sind, die Umweltleistung des Produkts insgesamt nicht mehr verbessern können. Bei einzelnen MEM-Produkten zeichnet sich dieser Tipping Point bereits heute ab – zumindest wenn sie in einem Land mit einem CO2-armen Strommix zum Einsatz kommen. Wird dasselbe Gerät hingegen beispielsweise in China oder Polen betrieben, kann das Reduktionspotenzial beträchtlich sein.

 

Wie viel positive Umweltwirkung eine optimierte Maschine oder Anlage entfalten kann, hängt also stark davon ab, wo sie eingesetzt wird. Die entscheidende Rolle spielt wiederum der Strommix. Wird eine umweltoptimierte Anlage in einem Land mit einem hohen Anteil an Kohlestrom betrieben, kann sie deutlich mehr Treibhausgase oder Feinstaubemissionen einsparen als in der Schweiz.

 

Für Swissmem stellt dies ein starkes Argument für die Gewährleistung offener Märkte dar. Nur wenn der Zugang zu den Weltmärkten offen bleibt, kann Schweizer Technologie weltweit zu einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen. Eine Abschottung der Schweiz schadet somit nicht nur der Schweizer Industrie, sondern auch der Umwelt.

 

ETH-Studie zu der Umweltwirkung der Schweizer MEM-Industrie