Berufsabschluss für Erwachsene – auch bei Schichtarbeit :: Swissmem - Der Werk- und Denkplatz Schweiz

Berufsabschluss für Erwachsene – auch bei Schichtarbeit

24.02.16

Mit dem Strukturwandel in der Schweizer MEM-Branche steigen auch die Anforderungen an das Personal. Eine Nachqualifizierung von erfahrenen Mitarbeitenden ohne einschlägigen Berufsabschluss kann hier neue Perspektiven eröffnen. Dass eine Nachholbildung auch für Schichtarbeiter möglich ist, zeigt das Beispiel der Fraisa SA.

Unter dem Druck der Frankenstärke beschleunigt sich der Strukturwandel in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Viele Unternehmen setzen auf Rationalisierung und Automatisierung, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass einfache Tätigkeiten wegfallen und anspruchsvollere Aufgaben zunehmen. Die Unternehmen benötigen deshalb immer weniger ungelernte Arbeitskräfte und gleichzeitig steigt der Bedarf an qualifiziertem Personal.

 

Gut ausgebildete Mitarbeitende zu finden ist nicht einfach. Oft verfügen die ungelernten Mitarbeitenden über viel Erfahrung, aber ein fehlender Berufsabschluss versperrt den Weg in die Weiterbildung. Für Schichtarbeiter ist es jedoch fast unmöglich, den Berufsabschluss auf regulärem Weg nachzuholen. Dieses Hindernis kann mit einem berufsbegleitenden Qualifikationsverfahren umgangen werden.

 

Pro Jahr erwerben in der Schweiz rund dreitausend erwachsene Personen das eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder eidgenössische Berufsattest (EBA) auf dem Weg der Nachholbildung. Mit entsprechender mehrjähriger Praxis kann für jeden Beruf der Berufsabschluss nachträglich erworben werden. Dazu muss das Qualifikationsverfahren (früher Lehrabschlussprüfung) absolviert werden. Die Prüfungen sind die gleichen, wie bei den Lernenden mit Lehrvertrag. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich die berufskundlichen und - falls nicht schon in einer ersten Grundbildung erworben - auch die allgemeinbildenden Kenntnisse anzueignen.

 

Die erwachsenen Kandidaten können gemeinsam mit den Lernenden die Berufsfachschule besuchen oder sich im Selbststudium auf die Prüfungen vorbereiten. Für einzelne Berufe gibt es auch spezielle Vorbereitungslehrgänge, die mehrheitlich abends oder an Samstagen stattfinden. In der Praxis sind eine Tätigkeit im Schichtbetrieb und ein regelmässiger Kursbesuch aber kaum unter einen Hut zu bringen. Für dieses Dilemma hat das Swissmem-Mitglied Fraisa SA zusammen mit der Gewerblich-Industriellen Berufsfachschule Solothurn eine praktikable Lösung entwickelt.

 

Der Hersteller von Präzisionswerkzeugen aus dem solothurnischen Bellach bietet eine berufsbegleitende Ausbildung zum Produktionsmechaniker EFZ an. Diese dauert nur zwei statt drei Jahre, ist der normalen Berufslehre aber gleichgestellt. Nach Abschluss dieser Berufslehre stehen alle Türen für weitergehende Aus- und Weiterbildungen offen. Die Kurse sind speziell auf Schichtarbeitende ausgerichtet. Die Ausbildungsgänge werden in parallelen Vormittags- und Nachmittagskursen angeboten, sodass der Unterricht auch von Personen im Schichtbetrieb besucht werden kann.

 

Treibende Kraft hinter dieser Initiative ist Josef Maushart, Verwaltungsratspräsident und CEO der Fraisa SA. Als Unternehmer sieht Maushart vor allem den Vorteil, mit dem bestehenden Personal in die nächsten technologischen Weiterentwicklungen zu gehen, weil sich das Personal sozusagen mitentwickelt. «Wir müssen also nicht erfahrene Kollegen mit wenig Qualifikation gegen besser Qualifizierte, aber weniger Erfahrene austauschen, sondern können auf die Erfahrung unserer bewährten Leute aufbauen», erklärt Maushart. Für sein Unternehmen verspricht er sich ganz konkret eine Steigerung des betriebswirtschaftlichen Erfolges durch mehr Flexibilität, mehr Einsatz und mehr Qualifikation des Personals.

 

Letztlich deckt sich für Maushart in dieser Frage die unternehmerische Logik mit der gesellschaftlichen Verantwortung: «Aus gesellschaftlicher Sicht geht es darum, möglichst vielen Menschen in unserem Land eine qualifizierte Ausbildung zu ermöglichen. So können wir die Arbeitsmarktfähigkeit für möglichst viele Arbeitnehmende erhöhen und gleichzeitig dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenwirken».