«Es findet ein Umdenken statt.» :: Swissmem - Der Werk- und Denkplatz Schweiz

«Es findet ein Umdenken statt.»

12.04.17

Janina Martig lebt in einer männerdominierten Welt. Als Frau habe sie keine Nachteile – aber auch keine Vorteile, so die junge Unternehmerin. Was zählt ist die Zufriedenheit der Kunden. Es macht ihr Spass, Frauen bei der Verwirklichung ihrer Karriereträume zu unterstützen.

Frau Martig, Sie führen Ihr eigenes Logistikunternehmen. Wie sind Sie zu dieser Branche gekommen?

Mein Vater hatte ein Unternehmen für Aushub. Er nahm mich oft im Lastwagen mit. Ich durfte sämtliche Knöpfe in der Kabine drücken. Ich machte die Lastwagenprüfung mit 19 und überraschte meinen Vater, indem ich ihn mit einem 32-Tönner in Basel abholte. Das sind tolle Erinnerungen.

 

Hatten Sie schon immer ein Faible für schwere Lastwagen und woher kommt diese Faszination?

Von meinem Vater habe ich mir schon früh die Leidenschaft für Trucks abgeschaut. Der Umgang mit Lastwagen gehörte für mich zum Alltag. Ich wuchs quasi auf der Baustelle auf. Ich empfand das immer als normal und es macht mir bis heute Spass. Das Unternehmen ist sozusagen eine Hommage an meinen verstorbenen Vater, der sicherlich sehr stolz auf mich gewesen wäre.

 

Sie bewegen sich in einer klassischen Männerwelt. Mit welchen Hürden haben Sie da als Frau zu kämpfen? Oder gibt es gar keine?

Man hat eigentlich keinen Nachteil als Frau in meiner Branche. Aber auch keinen Vorteil. Als Unternehmerin muss ich meine Leistung bringen in einem hart umkämpften Markt. Ich arbeite Tag und Nacht für den Aufbau meiner Firma. Das kennt jeder Unternehmer. Blockaden und Nachteile fangen oft im Kopf an. Als Unternehmerin versuche ich, diese zu überwinden. Und das klappt gut. Wir haben uns gut in unserer Branche etabliert. Letztendlich geht es darum, dass der Kunde mit der Lieferung zufrieden ist. Das ist unser oberstes Ziel.

 

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit als Frau in einer männlich geprägten Branche?

Es gibt noch viele Berufszweige in der Schweiz, in denen Frauen nur wenig präsent sind. Deswegen freut es mich umso mehr, dass sich immer mehr Frauen für diesen Beruf (Lkw-Fahrerin) begeistern. Langsam findet ein Umdenken statt. Dank starker Frauen, die genauso wie Männer Unternehmen gründen und in der Wirtschaft und Politik aktiv sind. Als StrassentransportunternehmerIn im Güter- und Personenverkehr versuche ich, meinen Anteil dazu beizutragen, dass wir die gleichen Chancen wie Männer haben.

 

Haben Sie ein paar gute Ratschläge für Frauen in männlich geprägten Branchen? Do‘s and Dont‘s?

Wir leben in einer Zeit der Globalisierung, Digitalisierung und Automatisierung. Berufe, die früher geschlechterspezifisch geprägt waren, können heute und in Zukunft von qualifiziertem Personal und Robotern verrichtet werden. Das Geschlecht spielt dabei kaum noch eine Rolle. Es geht vor allem um sogenannte «soft Skills», die Fähigkeit sich auf andere Menschen und Bedürfnisse einzustellen, also Empathie. Oft fällt dies Frauen leichter. Kombiniert mit guten Fachkenntnissen, Fleiss und Motivation kann man sich so alle Träume verwirklichen.


Wie halten Sie es mit den Frauen in Ihrem eigenen Unternehmen? Beschäftigen Sie Frauen in Ihrem Unternehmen und wenn ja, werden diese von Ihnen gefördert?

Janina Martig Logistics GmbH ist seit der Gründung im Jahr 2013 nachhaltig gewachsen. Heute arbeiten sechs Angestellte bei JML. Das ganz besondere bei uns ist die hohe Frauenquote. Ein Jahr nach der Gründung kam die erste Fahrerin zu uns. Heute werden alle Trucks von Frauen gefahren, was sich auch über die Grenzen der Schweiz herumgesprochen hat. Im Team arbeiten wir sehr gut zusammen. Dabei spielt es eigentlich gar keine grosse Rolle, ob Frau oder Mann, das Umfeld muss passen. Und das passt bei uns. Es war am Anfang mehr Zufall, nur mit Frauen zu arbeiten. Inzwischen sind wir ein so eingespieltes Team, dass ich die Damen auf keinen Fall missen möchte. Frauen sind weder die besseren noch die schlechteren Fahrer. Aber vielleicht kann ich mich als Frau besser in meine Chauffeusen hineinversetzten und verstehe, wie sie sich in der Männerwelt fühlen und was sie brauchen. Klar schauen die Männer, wenn eine Frau aus dem Laster steigt. Es ist immer noch ein ungewöhnliches Bild auf den Schweizer Strassen.

 

Wo sehen Sie sich in 5 bis 10 Jahren?

Die Firma wächst und ich bin mir der Verantwortung gegenüber meinem Team und Kunden bewusst. Es macht Spass, die Expansion voranzutreiben. Wichtig ist mir dabei, dass ich das, was ich mache, sehr gut mache. Und natürlich gehört auch Spass dazu. Ich geniesse mein Leben und so soll es auch bleiben. In den nächsten Jahren werde ich mich auch weiterhin für starke Frauen im Business engagieren und junge Frauen darin unterstützen, ihren Karriereträumen und Plänen zu folgen. Sicher wird es von Janina weiterhin auch Moderationen im TV und Radio sowie aktive Beiträge in der Branche zu sehen geben. Wir arbeiten aktiv an unserem Blog miles-styles, wo wir mit Partnern Themen aufgreifen, die branchenübergreifend interessant sind: neuste Trends, Technologien oder Trucks der Zukunft. Momentan erreichen wir über 20 000 Follower pro Monat. Hier sehe ich noch grosses Entwicklungspotential.

 

Ein grosses Thema bei Frauen aber auch immer mehr bei Männern ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wie steht es um dieses Thema in Ihrem Beruf beziehungsweise in Ihrer Branche?

Ich erachte es immer als eine Herausforderung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, egal in welcher Branche. Aber es ist machbar. Schaut man über die Grenzen der Schweiz hinweg, zum Beispiel nach England oder Amerika, so erkennt man, dass es dort ganz normal ist, dass Frauen Kind, Karriere und Familie unter einen Hut bringen. Sicherlich muss man Prioritäten setzen. Eine gute Planung und ein gutes Netzwerk gehören dazu. Bei uns erfordert der Job Flexibilität und die Bereitschaft, zeitweise auswärts zu übernachten. Das machen wir schon in den ersten Bewerbungsgesprächen klar. Die Damen bei JML sind Truckerinnen mit Leib und Seele und leben diesen Lifestyle gerne.

 

Beschäftigen Sie Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen in Teilzeit?

Wir haben momentan eine Mitarbeiterin, welche eine 80% Festanstellung hat. Wir bieten unseren Mitarbeitenden Flexibilität und verschiedene Arbeitszeitmodelle an.

 


Kurzbiographie Janina Martig:

Sie wurde in Oberwil (BL) geboren. Als Tochter eines Unternehmers kam sie schon früh mit allen Bereichen rund ums Geschäftsleben in Kontakt. Im Jahr 2013 gründete Sie die Transportspedition Janina Martig Logistics GmbH, die heute von ihrer Familientradition geprägt und eine Hommage an den verstorbenen Vater ist. Das besondere an JML ist die unschlagbar hohe Frauenquote. JML ist auf LinkedIn und Facebook zu finden.