Ihr beschäftigt Euch jetzt schon lange mit dem Thema Kreislaufwirtschaft. Seht ihr einen Trend in der Wahrnehmung davon?
Tom Koch: Die Rytec Circular kann auf die letzten 11 Jahre zurückblicken. Was wir beobachten, ist, dass Kreislaufwirtschaft als Teilaspekt der Nachhaltigkeit immer besser wahrgenommen wird. Erfreulich ist, dass die Wahrnehmung gleichermassen in der Privatwirtschaft, bei der öffentlichen Hand und in der Breite der Gesellschaft steigt und dass sich diese Akteure ernsthaft damit auseinandersetzen.
Gibt es Trends in der Umsetzung?
Der Statusbericht der Schweizer Kreislaufwirtschaft 2024 zeigt, dass der Anteil der Unternehmen mit einer starken Umsetzung der Kreislaufwirtschaft bei rund 10 % liegt. Ausserdem integriert heute bereits rund jedes vierte Unternehmen das Konzept als festen Bestandteil seiner Strategie. Tendenz steigend.
In der Regel fangen unsere Kunden mit einer Einschätzung der ökonomischen und ökologischen Potenziale der Kreislaufwirtschaft in ihrem spezifischen Kontext an. Das schafft Klarheit und ermöglicht eine Priorisierung auf die Themen mit dem grössten Hebel. Danach unterstützen wir bei der Übersetzung auf Produkt-, Prozess- und Unternehmensebene (bspw. Haag-Streit, Gehrig Group und Rent.Group).
Was sind aus Eurer Sicht die grössten Hürden für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft in der Tech-Industrie?
Wir sehen aktuell zwei grosse Hürden. Einerseits die technologische und prozessuale Komplexität, die typisch für die Branche ist, andererseits unternehmensspezifische Barrieren wie z. B. in Bezug auf Qualifikation, Organisation und Unternehmenskultur. Gewisse Unternehmen der Industrie arbeiten schon länger daran, die Hürden zu lösen (bspw. SKF). Dafür muss u. a. das Thema in der Strategie verankert und intern langfristig vorangetrieben werden.
Seht Ihr spezifische Herausforderungen fĂĽr die Schweiz im Allgemeinen, und fĂĽr eine exportorientierte Branche wie die Tech-Industrie?
Bei den Themen Kreislaufwirtschaft und zirkuläre Geschäftsmodelle gehört die Schweiz global nicht zu den Pionieren. Demensprechend besteht bei den Mitarbeitenden, im Management und den Zulieferern wenig Erfahrung. Gute Beispiele sind rar und weiter weg. Wir haben Nachholbedarf – das ist die Herausforderung. Eine exportorientierte Branche muss dafür sorgen, dass sie nicht den Anschluss verliert und den Zugang zu den Märkten behalten kann. In manchen Märkten spielt die Kreislaufwirtschaft schon eine zentrale Rolle. Auf europäischer Ebene z. B. ist das Thema in der Verordnung Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR), im Instrument Digitaler Produktpass (DPP), in der Right to Repair Directive und dem Critical Raw Materials Act (CRMA) stark verankert.
Der Standort Schweiz differenziert sich u. a. durch stabile Rahmenbedingungen, hohe Innovations- und Forschungskapazitäten, gut qualifizierte Fachkräfte, eine gute Infrastruktur und eine vernetzte Wirtschaft. Das sind sehr gute Grundbedingungen für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft. Diese verlangt jedoch von Unternehmen über gewohnte Abläufe und Ertragsmodelle hinaus zu innovieren.
Auch die Gesetzgebung hat sich weiterentwickelt, sowohl in der Schweiz wie in der EU. SpĂĽrt Ihr das in der Praxis bereits?
Der Umsetzungsdruck steigt. Bei unseren exportorientierten Schweizer Kunden merken wir einen steigenden Beratungsbedarf. Gewisse EU-Länder haben nicht auf das erste Circular Economy Package der Europäischen Kommission im Jahr 2015 gewartet und schon länger Kreislaufwirtschaftsanforderungen eingeführt. Schweizer Unternehmen sind heute mit Märkten konfrontiert, in denen Unternehmen, Konsumenten und öffentliche Beschaffende Mindestanforderungen bei Kreislaufdesign und zirkulären Geschäftsmodellen haben.
Dieser Druck ist in der Schweiz noch nicht im gleichen Ausmass spürbar, aber hier ist eine positive Entwicklung zu sehen. Die Revision des Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB) im Jahr 2021 hat die rechtliche und politische Basis geschaffen, damit Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft verbindlich in der öffentlichen Beschaffung berücksichtigt werden können. Seitdem sieht man eine zunehmende Professionalisierung auf Anbietenden- und Nachfragenden-Seite (siehe Wissensplattform nachhaltige öffentliche Beschaffung, WÖB).
Wo können sich Unternehmen am besten zu Kreislaufwirtschaft in der Praxis austauschen?
In den letzten Jahren ist die Anzahl an Veranstaltungen und Austausch-Formaten zum Thema stark gestiegen. Private, kantonale und Städte-Initiativen sind über die ganze Schweiz verteilt. Das ist insbesondere relevant für die Vernetzung von Mitarbeitenden, die sich mit dem Thema beschäftigen.
Die grösste Wirkung für Unternehmen haben Brancheninitiativen oder Dialogformate, die einen neutralen Raum schaffen, um sich auf den Abbau von ausgewählten branchenübergreifenden Hemmnissen zu fokussieren. Dabei ist es zentral, sowohl die Seite der Anbietenden als auch der Nachfragenden zu berücksichtigen. Wir haben selbst als Mitorganisatorin gute Erfahrungen mit sogenannten Industry Roundtables in der Möbel- und ICT-Branche gemacht.
Wie schätzt ihr die Resultate der aktualisierten Studie der Berner Fachhochschule ein? Speziell für die Tech-Industrie?
Es ist für mich keine Überraschung, dass Unternehmen der Tech-Industrie besser als andere Branchen abschneiden. In der Regel haben Investitionsgüter höhere Material- und Nutzungsrestwerte, eine lange Nutzungsdauer und werden über mehrere Zeitperioden hinweg eingesetzt. Das sind gute Grundvoraussetzungen für zirkuläre Geschäftsmodelle. Das zeigt z. B. Avesco in Langenthal schon seit vielen Jahren mit dem Cat Certified Rebuild-Angebot.
Diese Resultate geben aber nur eine Orientierung. Die Herausforderung liegt gewöhnlich im Detail der jeweiligen Unternehmen. In der Tech-Industrie gibt es immer noch grosse Unterschiede in der Umsetzungsreife der Kreislaufwirtschaft. Hier muss sich jedes Unternehmen folgende Fragen stellen:
- Verstehe ich die relevanten Ertragsmechanismen der Kreislaufwirtschaft?
- Habe ich meine ökonomischen Potenziale identifiziert?
- Wie gut ist das Thema in der Strategie verankert?
- Wie effizient sind meine Prozesse darauf angelegt?
- Welches Angebot wurde daraus entwickelt?
- Welche ökonomischen und ökologischen Wirkungen erziele ich damit?
- Welche Weiterentwicklungsmöglichkeiten habe ich identifiziert?
Webinar: Kreislaufwirtschaft in der Tech-Industrie
Wo steht die Schweizer Tech-Industrie bei der Umsetzung der Kreislaufwirtschaft – und welche Ansätze sind wirklich erfolgversprechend?
Swissmem bietet am 22. Mai 2026, 10:30 bis 12:00 ein Webinar mit verschiedenen Akteuren an, unter anderem Tom Koch. Es liefert kompakte Einblicke in aktuelle Studienergebnisse, zeigt praxiserprobte Konzepte und beleuchtet anhand konkreter Beispiele, wie Unternehmen Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich in ihre Geschäftsmodelle integrieren.
