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18. Swissmem Symposium: Praxisbeispiele, Fachwissen und Diskussionen rund um das Thema Dekarbonisierung

Wir haben uns sehr gefreut, dass wir das 18. Swissmem Symposium als Präsenzveranstaltung durchführen durften und die Branchenvertreterinnen und -vertreter unter strengen Schutzmassnahmen zahlreich die Gelegenheit nutzten, im Lake Side Zürich zu spannenden Präsentationen rund um die Dekarbonisierung und die bedeutende Rolle der Industrie für eine fossilfreie Energiezukunft zusammenzukommen. Reto Lipp führte wie immer souverän durch den Tag.

Die Industrie mit ihren Produkten spielt eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung. Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher unterstreicht diese Aussage in seinem Eröffnungsreferat mit einer Studie von VDMA und Boston Consulting Group (BCG). Diese kommt zum Schluss, dass mit dem Einsatz von Technologien aus dem Maschinenbau jährlich rund 30 Gigatonnen CO2 eingespart werden können. Das entspricht den globalen CO2-Emissionen von 2006. Der Schweizer Forschungs- und Innovationsstandort bietet eine ausgezeichnete Grundlage für die Unternehmen, um dieses Potenzial erfolgreich anzugehen. Dies belegt auch der Energy Transition Index des WEF, der die Fähigkeit von Ländern hinsichtlich einer erfolgreichen Transformation der Energiewirtschaft bewertet und die Schweiz auf Platz 2 sieht. Auf politischer Ebene ist es für Stefan Brupbacher zentral, dass mit einem CO2-Preis auf Brenn- und Treibstoffe Kostenwahrheit geschaffen wird. Nur so haben die verschiedenen neuen Technologien gleiche Wettbewerbsbedingungen.

Beispielloser globaler Konjunktureinbruch

Doch bevor die Referenten auf das Hauptthema der Veranstaltung eingingen, standen – dies inzwischen längst eine Tradition – die ökonomischen Analysen und Prognosen auf dem Programm. Und hier gab es wenig Erfreuliches zu berichten. Fest steht, dass der Konjunktureinbruch 2020 ein historisches Ausmass haben wird. Ansonsten bleibt laut Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisen Gruppe auch ein halbes Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie viel Unsicherheit. Es ist nicht klar, wann und ob die Wirtschaft wieder einigermassen auf «Normallast» laufen wird. Die Schweiz stehe aber noch vergleichsweise gut da. Dies gilt einmal für die Industrie, die mit Wandel umzugehen gelernt hat; zum andern hält sich durch die Kurzarbeitsentschädigungen sowie die Not- und Überbrückungskredite der Schaden aktuell in Grenzen. Nichtsdestotrotz würden letztere eher den freien Fall dämpfen und wohl kaum die Konjunktur stimulieren.

Josua Burkart, Geschäftsführer von hpo forcasting ag, nimmt Bezug auf die Prognosen der letzten zwei Jahre, die bereits erste Anzeichen für eine Abschwächung der Konjunktur enthalten haben. Ohne Corona wäre wohl alles halb so schlimm, aber trotzdem schmerzhaft, hält er fest. Josua Burkart geht davon aus, dass die Industrieproduktion Europas voraussichtlich Ende Jahr zurück auf das Level der Langfristprognose findet und es also nach dem brutalen Absturz zu einer gewissen Erholung komme, die Kurve wohl aber bald wieder abflachen werde.

Wasserstoff, Sektorkopplung und Kreislaufwirtschaft

Alle sprechen vom Elektroauto und wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen-Fahrzeuge galten lange als Nischenprodukte. Doch gemäss Daniel Hofer, Präsident Avenergy, stehen die Zeichen gut, dass sich Wasserstoff etablieren kann und ergänzend zu anderen Technologien im sauberen Verkehr der Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Denn verschiedene Antriebsarten decken unterschiedliche Kundenbedürfnisse ab. Gegenüber der Batterie bietet Wasserstoff als Energiespeicher wesentliche Vorteile. Dazu zählen die höhere Reichweite, die kurze Betankungszeit und das geringe Gewicht des Energiespeichers Wasserstoff.

Avenergy engagiert sich im Förderverein H2-Mobilität Schweiz, der diese Entwicklung vorantreibt. Die Mitglieder betreiben allein in der Schweiz mehr als 2'000 Tankstellen und setzen über 4'000 schwere Nutzfahrzeuge ein. Das versetzt sie in die Lage, Wasserstofftankstellen in eigener Regie zu realisieren und den Fahrzeugpark schrittweise auf diese neue Technologie umzustellen.

Zusammen mit den meisten Staaten der Welt hat sich die Schweiz dazu entschieden, die Verwendung von fossilen Energiequellen zu reduzieren und schliesslich ein zu 100% erneuerbares Energiesystem zu erreichen. Für Professor Markus Friedl, OST Ostschweizer Fachhochschule ist diese Transformation – für die er im Übrigen den Begriff Defossilisierung treffender findet als Dekarbonisierung - mit vielen Unbekannten behaftet: Zahlreiche politische und regulatorische Randbedingungen sowie die genaue Rolle der verschiedenen Technologien sind noch nicht klar. Trotzdem zeichnen sich aus seiner Sicht einige Entwicklungen ab: Sektorkopplung, Elektrifizierung, Wasserstoff, Methan und Digitalisierung. Es werden sich parallel mehrere Technologien etablieren. Und er betont, wer jetzt investiert, sich an Projekten beteiligt und Erfahrungen sammelt, entdeckt neue Technologien, Tätigkeitsfelder und Geschäftsmodelle und kann die Rahmenbedingungen mitgestalten.

Auch für das Unternehmen MAN Energy Solutions ist klar, dass für den Weg in eine klimaneutrale Weltwirtschaft eine Kopplung der Sektoren wie Elektrizität, Verkehr sowie Wärme- und Kälteversorgung unerlässlich ist. Managing Director Patrik Meli zeigte auf, wie das Unternehmen gemeinsam mit ABB eine neuartige Speicherlösung vorangetrieben hat: Electro-Thermal Energy Storage (ETES) ist das einzige existierende System, welches erlaubt, Elektrizität, Wärme und Kälte gleichzeitig zu nutzen, zu speichern und zu verteilen (mehr Information dazu)

Stéphane Piqué, Leiter Industry X.0 Schweiz, Accenture AG, unterstreicht in seiner Präsentation ebenfalls, dass die Unternehmen mit ihren Innovationen eine aktive und wichtige Rolle beim Wandel des Energiesystems spielen können und neue Formen der Wertschöpfung entwickeln sollen. Voraussetzung hierfür ist, dass man sich nicht mehr an einem linearen und isolierten Wirtschaftssystem orientiert, sondern die Chancen und Geschäftsmöglichkeiten in der Kreislaufökonomie wahrnimmt. Der Einsatz disruptiver und intelligenter Technologien beschleunigt den Wandel zur Kreislaufwirtschaft vom Produktdesign bis zum Produktlebensende.

Stéphane Piqué rät den Unternehmen, zunächst auf das Kerngeschäft zu fokussieren und hier mit der Transformation zu beginnen. Es ist wichtig zu verstehen, wie die eigenen Produkte beim Kunden eingesetzt werden, um diese verbessern zu können.

Welchen Beitrag der traditionelle Maschinenbau zur Energiewende leisten kann, verdeutlichte Dr. Luzi Valär, Vice President Research and Development, Burckhardt Compression AG. Die Technologie der Kolbenkompressoren ist nämlich weit über 100 Jahre alt. Nun funktioniert die Nutzung von Wasserstoff als Treibstoff oder als Energiespeicher nur, wenn die Energiedichte des Wasserstoffs erhöht wird. Und hier kommen die Kolbenkompressoren von Burckhardt Compression ins Spiel, weil diese für eine effiziente Verdichtung von grösseren Mengen an Wasserstoff geradezu prädestiniert sind (mehr Informationen dazu).

Pumpen können ebenfalls einen erheblichen Beitrag zur Emissionsreduktion von CO2 leisten, wie Dr. Francis Krähenbühl, CEO, Emile Egger & Cie SA, eindrücklich aufzeigte. Eine Möglichkeit ist besonders vielversprechend. Bei dieser wird das aus dem industriellen Prozess entweichende Gas durch mikrobielle Fermentation in Ethanol umgewandelt, welches dann wiederum als Treibstoff verwendet werden kann. Eine erste Anlage in einem Stahlwerk in China wandelt mit den Egger Pumpen jährlich 85’000 Tonnen CO2 in 46’000 Tonnen Ethanol um. Allein das jährliche Potenzial für die Stahlindustrie entspricht 155 Millionen Tonnen absorbierter CO2-Emissionen.

Den Schlusspunkt setzte das Referat von Daniel Egger, Head Marketing & Sales Climeworks. Da die Emission von CO2 wohl nie völlig vermieden werden kann und gleichzeitig dennoch das Netto-Null-Ziel angestrebt wird, müssen auch Technologien entwickelt werden, die den Kreislauf schliessen und CO2 aus der Atmosphäre entfernen. Direct Air Capture von Climeworks filtert dieses mit Maschinen aus der Luft. Das CO2 wird anschliessend teilweise weiterverwendet, zum Beispiel in der Getränkeindustrie oder indem es in Treibstoffe umgewandelt wird. Der Rest wird unterirdisch im Gestein gespeichert. Aktuell können auf diese Weise ein paar Tausend Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft gefiltert werden. Das reicht nicht, um den Klimawandel zu stoppen, doch mit einer weiteren Skalierung der Technologie und den richtigen politischen Rahmenbedingungen besteht ein äusserst vielversprechendes Potenzial.

Bildimpressionen und Video zum 18. Swissmem Symposium 2020

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