Von Michael Perricone
Seit 2014 verbindet die Schweiz und China ein Freihandelsabkommen. Nun wird es modernisiert – in einer Zeit, in der China für die Schweizer Tech-Industrie nicht nur wichtiger Markt, sondern zunehmend auch technologischer Wettbewerber ist. Die Branche exportiert jährlich Güter im Wert von über 4,4 Milliarden Franken nach China. Doch der Markt ist tückisch: gross, schnell und geprägt von einem Tempo, das Europa herausfordert. Oder überfordert.
Für Jens Thing, CEO des Werkzeugmaschinenherstellers Tornos, liegt die Faszination Chinas in seiner Dynamik. Er spricht von der «enormen Geschwindigkeit» und der «industriellen Leistungsfähigkeit», die das Land aufgebaut habe. Europa müsse diesem Wettbewerb begegnen und gleichzeitig den Zugang zum chinesischen Markt sichern. 
«China hat einen unheimlich harten Wettbwerb»
Christoph Frei beschreibt China als System, das sich westlichen Kategorien entzieht. Besonders wirksam sei das Zusammenspiel von Staat, Planung und Wettbewerb: «China hat einen unheimlich harten Wettbewerb im Privatsektor. Wahrscheinlich den härtesten heute auf der Welt.» China sei «nicht schwarz und weiss, sondern grau in grau».
Jens Thing sagt: «Man muss richtig kämpfen als Unternehmen, um dort erfolgreich zu sein und zu bleiben.» Tornos ist das seit Jahren, mit Vertrieb und Service in Shanghai sowie einer Produktion in Xi’an. Rund 40 Prozent der weltweit neu installierten Langdrehmaschinen stünden heute in China, erklärt Thing, der in diesem Bereich mit Tornos zu den Weltmarktführern gehört. 
Gleichzeitig hat sich Chinas Rolle verändert. Früher galt das Land vielen westlichen Firmen als Werkbank. Heute ist es in Bereichen wie Photovoltaik, Elektroautos oder Robotik selbst an der Weltspitze. Thing formuliert es nüchtern: «Man muss Respekt haben vor den Chinesen, weil sie diese Möglichkeit angenommen und etwas daraus gemacht haben.»
Zum Glück nicht im Volumen-Geschäft 
Für die Schweiz sieht Thing dennoch Chancen – gerade in hochspezialisierten Nischen. Viele Schweizer Unternehmen seien in China gut angesehen, aber nicht im Volumengeschäft tätig. «Häufig sind wir eher Nischen-Player, gut angesehen, aber das Volumen machen andere Firmen.» Christoph Frei teilt diese Einschätzung: Die Schweiz habe kaum eine Alternative, als Top-Nischen zu pflegen und von dort aus zu exportieren.
Ein zentraler Vorteil Chinas liegt laut Frei in der Tiefe seiner industriellen Ökosysteme. Produktionsstufen, Materialkompetenz und Fertigung liegen eng beieinander. Dadurch entstünden kurze Entwicklungszyklen. Lernen könne der Westen von der chinesischen Strategiefähigkeit: «Wir müssen uns fragen, wie wir auch in demokratisch verfassten Gesellschaften in eine bessere Strategiefähigkeit hineinkommen.» 
Beim Update des Freihandelsabkommen sind für Jens Thing Zollabbau, Schutz des geistigen Eigentums und Zugang zu Ausschreibungen entscheidend. Frei nennt das bestehende Abkommen «gerade in der heutigen Zeit ziemlich viel Gold wert». Für die Schweizer Tech-Industrie heisst das: China bleibt Chance, Konkurrent und Prüfstein zugleich.
TecTalk - Der Podcast der Schweizer Tech-Industrie
China stellt so viele IndustriegĂĽter her, wie die vier nachfolgenden Nationen zusammen, inklusive USA. Droht China die Welt zu schlucken, mit seinem knallharten Kapitalismus? Hat die Schweizer Industrie ĂĽberhaupt noch eine Chance? Industrie-CEO Jens Thing und Politikwissenschafter Christoph Frei kennen China bestens. Sie sind fasziniert von dessen Geschwindigkeit. Und wollen mehr Pragmatismus und Positive Thinking im Umgang mit einem Land, in dem kaum etwas so funktioniert, wie wir es machen.