Wie ist die Kooperation mit der ETH entstanden?
Dr. Metin Giousouf: Ich bin seit fast 25 Jahren bei Festo in der Forschung tätig und habe schon früh mit Schweizer Hochschulen zusammengearbeitet. Vor rund drei Jahren kam ein ETH-Student im Rahmen eines Praktikums zu uns und beschäftigte sich mit dem Thema künstliche Muskeln. Daraus entstand die Idee, das Thema vertieft anzugehen – im Rahmen einer industriefinanzierten Promotion in Kooperation mit der ETH Zürich.
Warum haben Sie sich für eine Innosuisse-Förderung entschieden?
Das Projekt ist technologisch sehr anspruchsvoll und mit hohem Risiko verbunden. Gleichzeitig sehen wir ein grosses industrielles Potenzial. Da wir in der Schweiz eine Fertigungsstelle für Mikroaktorik haben, war klar: Wenn wir das machen, dann hier. Ich kannte Innosuisse bereits aus früheren Projekten und habe mich entschieden, für dieses Vorhaben zusammen mit der ETH Zürich einen Antrag einzureichen.
Wie haben Sie den Antragsprozess erlebt?
Aufwändig – aber gerechtfertigt. Man muss genau erklären, warum man ein Projekt macht, welchen Nutzen es bringt und welche Risiken bestehen. Das zwingt einen als Industriepartner, das Projekt sauber durchzudenken: Arbeitspakete, Zeitaufwand, Kosten, Business Case, Risikomanagement.
Was unterscheidet Innosuisse aus Ihrer Sicht von anderen Fördermodellen?
Der finanzielle Innosuisse-Beitrag geht üblicherweise an die Forschungsinstitutionen und nicht an die Industriepartner. Das finde ich gut, denn es verhindert Projekte, bei denen Unternehmen nur mitmachen, weil es Fördermittel gibt. Man muss sich sehr ehrlich fragen: Ist uns das Thema wichtig genug, um eigene Ressourcen zu investieren? Und genau das erhöht die Qualität der Projekte.
Wo steht das Projekt aktuell?
Wir sind noch in einer frühen Phase. Ziel ist es, sogenannte künstliche Muskeln aus Folienelementen zu entwickeln, die beispielsweise Ventile oder Greifer antreiben können. Aktuell benötigen solche Aktoren noch sehr hohe Spannungen – bis zu 7’000 Volt. Für eine industrielle Anwendung ist das nicht akzeptabel. Unser Ziel ist es, unter 1’000 Volt zu kommen und gleichzeitig industrielle Anforderungen zu erfüllen wie eine Lebensdauer über mehrere hundert Millionen Zyklen mit stabilen Eigenschaften.
Wo liegen die grössten Herausforderungen?
Der Unterschied zwischen Labor und Industrie. In der Forschung reicht es oft, wenn etwas grundsätzlich funktioniert. In der Industrie müssen Komponenten über Jahre hinweg zuverlässig laufen. Materialien altern, Eigenschaften verändern sich – gerade bei Polymeren. Diese Robustheit bei konstanten Leistungsdaten zu erreichen, ist sehr anspruchsvoll. Relativ schnell war klar: Das ist kein Ein-Personen-Projekt. Dank Innosuisse konnten zusätzliche Ressourcen an der ETH Zürich aufgebaut werden.
Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit der ETH konkret?
Wir haben alle zwei Wochen einen fixen Austausch, zusätzlich Gespräche nach Bedarf. Dazu kommen zweimal pro Jahr Treffen vor Ort. Aktuell beziehen wir auch die Empa ein, um zusätzliche Expertise zu nutzen. Für mich ist wichtig, dass man als Industriepartner fachlich präsent bleibt und das Projekt aktiv begleitet. Ich habe zum Glück viel Erfahrung auf dem Gebiet der künstlichen Muskeln, da ich mich schon seit über 15 Jahren mit diesem Thema beschäftige. Ich weiss deshalb, wo die Knackpunkte auf Industrieseite sind.
Was ist aus Ihrer Sicht der industrielle Mehrwert künstlicher Muskeln?
Ganz klar: Kosten und Nachhaltigkeit. Seit vielen Jahren fertigen wir erfolgreich in der Schweiz Ventile mit Piezo-Aktoren. Künstliche Muskeln können hier eine potenziell kosteneffiziente und nachhaltige Alternative darstellen. Zudem sind sie sehr flexibel gestaltbar, damit gut auf Applikationsanforderungen anpassbar und eine vielversprechende Ergänzung im Produktionsportfolio.
Was würden Sie anderen Industrieunternehmen raten, die ein Innosuisse-Projekt planen?
- Man sollte sich bewusst sein, dass eine Antragstellung bei Innosuisse mit erheblichem Aufwand und klaren Verpflichtungen verbunden ist. Ich hatte intern Unterstützung durch unser Kooperationsmanagement. Fehlt eine solche Struktur – etwa in einem KMU – kann die Antragstellung anspruchsvoll werden. Entsprechend müssen gezielt Ressourcen für die Vorbereitung eingeplant werden.
- Positiv hervorzuheben ist der gesamte Antragsprozess. Die Dokumentation und die Online-Plattform von Innosuisse sind gut aufgebaut, und bei Fragen erhält man rasch kompetente und freundliche Unterstützung. Der Support von Innosuisse ist aus meiner Sicht vorbildlich.
- Mein wichtigster Rat: Eine Hochschule ist in der Regel kein Dienstleister. Wer erfolgreich sein will, muss sich als Industriepartner aktiv einbringen, fachlich unterstützen und Verantwortung übernehmen. Dann ist eine Innosuisse-Kooperation ein sehr wirkungsvolles Instrument, um einem Projekt eine Dynamik zu geben.
Informationen zum Unternehmen:
www.festo.com
Informationen zu Innosuisse
Innosuisse ist die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung. Sie fördert KMU, Start-ups, Forschungsinstitutionen und andere Schweizer Organisationen bei ihren Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten auf nationaler oder internationaler Ebene. Ziel ist es, die Zusammenarbeit und den Wissenstransfer zu erleichtern, damit neue Produkte oder Dienstleistungen entwickelt werden können. Mehr Informationen finden Sie auf der Website von Innosuisse.

