Von Michael Perricone
Die Schweizer Tech-Industrie könnte ihre Exporte in die Mercosur-Staaten verdoppeln. Davon ist Swissmem-Präsident Martin Hirzel überzeugt: «Das Geschäftspotenzial ist locker doppelt so hoch.» Heute liefert die Branche Waren im Wert von rund 530 Millionen Franken in den Wirtschaftsraum mit rund 270 Millionen Menschen. Doch hohe Importzölle – bei gewissen Maschinen bis zu 35 Prozent – bremsen den Zugang zum Markt massiv.
Gerade für KMU seien solche Aufschläge kaum zu verkraften. Gleichzeitig steigt der Konkurrenzdruck. Denn die EU hat ihr Mercosur-Abkommen bereits provisorisch in Kraft gesetzt. «Unsere Hauptkonkurrenz kommt aus dem europäischen Raum», sagt Hirzel mit neusten TecTalk zum Thema Mercosur. Dadurch entstünden Preisdifferenzen, die für südamerikanische Kunden schwer zu akzeptieren seien. Hirzel warnt: «Wenn wir diesen Markt jetzt verlieren, werden wir unheimliche Mühe haben, ihn später wieder zurückzugewinnen.» Hinzu kommt die immer stärkere chinesische Konkurrenz, die in Südamerika bereits sehr präsent ist.
Umso unverständlicher sei, dass der Nationalrat in der letzten Session das Abkommen nicht unterstützte. Denn es gehe, so Hirzel, um noch mehr als einzelne Exportaufträge. «Wir leben in einer Zeit der geopolitischen Verwerfungen, von Blockbildungen, von Abschottung.» Die Schweiz müsse als Exportnation neue Wachstumsmärkte erschliessen und ihre Handelsbeziehungen diversifizieren. «Jeder zweite Franken wird im Ausland verdient.»
Die Unternehmen der Tech-Industrie wollten weiterhin in der Schweiz produzieren – «zu Schweizer Löhnen, zu Schweizer Gesetzen, zu Schweizer Umweltvorschriften» – und ihre Produkte möglichst ohne künstliche Handelsbarrieren exportieren. Davon hingen rund 325'000 Arbeitsplätze ab.
Vom Freihandel profitierten aber nicht nur Schweizer Unternehmen. Hirzel verweist auf Schweizer Technologien, die in Südamerika bereits heute konkret wirken: Geobrugg schützt mit seinen Systemen Menschen in Rio de Janeiro vor Steinschlag und Erdrutschen. GF trägt mit moderner Rohrleitungstechnologie dazu bei, Wasserverluste und Verunreinigungen zu reduzieren. Gleichzeitig schaffen Schweizer Firmen Arbeitsplätze, bilden Fachkräfte aus und übertragen Know-how. Für Hirzel ist deshalb klar: «Ein Freihandelsabkommen und Handel gehen eben viel weiter.»
Dass das Abkommen im Nationalrat zunächst scheiterte, bezeichnet Hirzel als «absurde Situation» und «fahrlässig». Seine Botschaft an die Politik ist entsprechend deutlich: «Es darf einfach nicht passieren, dass Forderungen von Umweltkreisen oder von der Landwirtschaft vom Kern ablenken.» Dieser Kern sei einfach: Zölle senken, Handelsbarrieren abbauen und der Schweizer Industrie den Zugang zu einem wichtigen Wachstumsmarkt ermöglichen.
TecTalk - Der Podcast der Schweizer Tech-Industrie

