Im Hinblick auf den diesjĂ€hrigen Swissmem Industrietag hat das Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Economics die wirtschaftliche Bedeutung der Nachbarregionen fĂŒr die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) untersucht. Im Fokus standen Baden-WĂŒrttemberg, Bayern, Vorarlberg, Nord- und SĂŒdtirol, die Lombardei, das Piemont sowie die angrenzenden französischen Departemente. Die Studienresultate zeigen, dass die Vernetzung der MEM-Industrie mit den Nachbarregionen aussergewöhnlich hoch und im gesamtwirtschaftlichen Vergleich ĂŒberdurchschnittlich stark ist. Insgesamt bilden die Schweiz und ihre Nachbarregionen im Herzen Europas ein sehr leistungsfĂ€higes, grenzĂŒberschreitendes Produktions- und Forschungsnetzwerk. FĂŒr die Regionen auf beiden Seiten der Grenze ist dieses Netzwerk von grosser volkswirtschaftlicher Bedeutung. Es generiert Wertschöpfung, ArbeitsplĂ€tze und Wohlstand.
Gleich wichtig wie China und die USA zusammen
Die GĂŒterausfuhren der Schweizer MEM-Industrie in diese Nachbarregionen erreichten 2018 einen Wert von 13,4 Milliarden Franken. Das ist fast gleich viel wie die Exporte in die beiden weltweit grössten Volkswirtschaften USA und China zusammen (CHF 13,7 Mia.). Direkt mit der Produktion dieses Exportvolumens verbunden sind in der Schweizer MEM-Industrie 45â000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Die Nachbarregionen sind auch ein zentraler Beschaffungsmarkt fĂŒr die MEM-Industrie. Ein Viertel (26%) der gesamten Warenimporte (CHF 8,7 Mia.) der Schweizer MEM-Unternehmen stammen aus den Nachbarregionen. Zudem ist rund jeder zehnte BeschĂ€ftigte in den Schweizer MEM-Betrieben ein GrenzgĂ€nger aus diesen Regionen. Ohne diese GrenzgĂ€nger wĂ€re der FachkrĂ€ftemangel in der Schweiz noch viel ausgeprĂ€gter als er ohnehin bereits ist. Sehr zahlreich sind zudem die gegenseitigen Entsendungen von Fachpersonal.
Weitverbreitete Kooperationen in Forschung und Entwicklung
Die Verflechtungen mit den Unternehmen in der Nachbarschaft sind jedoch noch viel enger als es der Waren- und Personenverkehr bereits andeuten. Jede zweite Schweizer MEM-Firma mit einer eigenen BetriebsstĂ€tte im Ausland hat eine solche in den Nachbarregionen. Diese Betriebe sowie auch Drittunternehmen sind oftmals eng in die Wertschöpfungsketten der Schweizer MEM-Unternehmen eingebunden. Die Zusammenarbeit umfasst auch die Entwicklungs- und Innovationsarbeit. Mehr als die HĂ€lfte aller Schweizer MEM-Firmen, die grenzĂŒberschreitende Forschungs- und Entwicklungskooperationen betreiben, haben eine solche mit einer Firma aus den Nachbarregionen. Auch beim EU-Forschungsprogramm «Horizon 2020» sind die Verbindungen eng. In rund 60 Prozent der Schweizer MEM-Projekte ist mindestens eine Partnerinstitution aus den Nachbarregionen beteiligt.
Bedarf nach einem Rahmenabkommen mit der EU ist ausgewiesen
Die Bilateralen VertrĂ€ge der Schweiz mit Europa leisten einen wichtigen Beitrag, damit dieses grenzĂŒberschreitende Produktions- und Forschungsnetzwerk funktionsfĂ€hig ist. Nicht ĂŒberraschend bezeichnen deshalb 88 Prozent der Swissmem Mitgliedfirmen die Bilateralen VertrĂ€ge I fĂŒr ihr eigenes Unternehmen als wichtig bis unverzichtbar. Diese sehr hohe WertschĂ€tzung der Bilateralen ist keine Momentaufnahme. Eine vergleichbare Befragung hat im Jahr 2015 in einem konjunkturell schwĂ€cheren Umfeld eine Ă€hnlich hohe Zustimmung ergeben. In der Tendenz hat die WertschĂ€tzung der Bilateralen in den letzten vier Jahren noch zugenommen. Dies gilt insbesondere fĂŒr die Forschungszusammenarbeit.
«Diese Studienergebnisse bestĂ€rken mich, weiterhin vehement fĂŒr den Erhalt und die Weiterentwicklung des bilateralen Weges zu kĂ€mpfen. DafĂŒr braucht es zwingend ein Rahmenabkommen», sagt Swissmem-PrĂ€sident Hans Hess. Dieses bringe den Schweizer MEM-Firmen Rechtssicherheit. «Ich bin deshalb sehr froh, dass der Bundesrat sich positiv zum vorliegenden Rahmenabkommen geĂ€ussert hat. Die vorgesehenen KlĂ€rungen mĂŒssen aber rasch erfolgen.» Ohne Rahmenabkommen bestĂŒnde die Gefahr, dass Schweizer Firmen kĂŒnftig ihre Investitionen vor allem in den Nachbarregionen und nicht mehr in der Schweiz tĂ€tigten.
Zusammenarbeit mit den Nachbarregionen vertiefen
Aus der Studie von BAK Economics lĂ€sst sich zudem ableiten, dass die Schweiz fĂŒr ihre unmittelbaren Nachbarregionen von Ă€hnlich grosser wirtschaftlicher Bedeutung ist wie umgekehrt. Diese haben also ebenfalls ein vitales Interesse, dass die engen Verflechtungen und vertraglichen Vereinbarungen bestehen bleiben sowie ausgebaut werden. Falls das Rahmenabkommen vorerst scheitert, mĂŒssten neue Wege in der Zusammenarbeit mit den Nachbarregionen gefunden werden. Gerade im Forschungs- und Entwicklungsbereich dĂŒrfte auf Stufe Unternehmen, Hochschulen und Forschungsinstitutionen sehr viel möglich sein, ohne mit ĂŒbergeordnetem EU-Recht in Konflikt zu geraten.
DarĂŒber hinaus schlĂ€gt Hans Hess vor: «Die Schweiz sollte mit den Nachbarregionen die gemeinsamen Interessen vermehrt bĂŒndeln und diese gezielt in den politischen Dialog mit den Regierungen unserer NachbarlĂ€nder sowie mit der EU einbringen.» Die Nachbarregionen bilden zusammen mit der Schweiz einen Markt von 52 Millionen Menschen. Nach Ausscheiden von Grossbritannien sind dies immerhin 11,6 Prozent der gesamten EU. «Ein regelmĂ€ssiger, grenzĂŒberschreitender Dialog mit unseren Nachbarregionen könnte einen Entwicklungsprozess in Gang setzen, der die Themen an unseren Grenzen wesentlich lokaler, schneller und pragmatischer lösen könnte», ist Hans Hess ĂŒberzeugt. «Wir wollen nicht nur Nachbarn sondern auch Partner sein».
Download
"Die Bedeutung der EU-Nachbarregionen fĂŒr die Schweizer MEM-Industrie"
Download BAK Studie (Juni 2019)
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