Die Schweizer Drohnenabwehr verfügt über besondere technologische Fähigkeiten. Oliver Dürr erläutert, welche Rolle internationale Kunden für den Erhalt dieser Kompetenzen spielen und wie der Bund Exporte weiterhin kontrollieren kann.
Swissmem sieht in der KMG-Revision einen entscheidenden Schritt zu mehr Verlässlichkeit gegenüber Partnerstaaten. Welche Änderung bei Exporten oder Wiederausfuhren ist aus Sicht Ihrer Kunden besonders wichtig?
Oliver Dürr: Entscheidend ist, dass Exporte auch in Konfliktsituationen möglich bleiben, wenn sich ein Partnerland verteidigen muss. Unsere Kunden brauchen die Sicherheit, dass sie im Ernstfall auf ihre Systeme und Lieferketten zählen können.
Sie warnen vor Lücken bei der Drohnenabwehr. Weshalb braucht die Schweizer Armee dafür eine exportfähige Industrie im eigenen Land, wenn sie Systeme auch im Ausland kaufen kann?
OD: Ein vergleichbares System gibt es im Ausland im Bereich VSHORAD (Very Short Range Air Defence) nicht. Wir sind mit unserem Skyranger Marktführer und verfügen über das beste System einer kanonenbasierten Flugabwehr. Diese Kompetenz müssen wir in der Schweiz erhalten und weiterentwickeln können.
Der Bund soll Kriegsmaterialexporte weiterhin kontrollieren und nötigenfalls verhindern können. Wie lässt sich diese Kontrolle mit der Verlässlichkeit vereinbaren, die Ihre Kunden für den Ernstfall verlangen?
OD: Die staatliche Kontrolle bleibt wichtig und ist aus Sicherheits- und Neutralitätspolitischen Gründen sinnvoll. Der Bundesrat muss weiterhin eingreifen können, wenn es die Interessen der Schweiz erfordern. Gleichzeitig brauchen wir für unsere Partner verlässliche Regeln, damit sie auch im Ernstfall auf uns zählen können.
Falls die KMG-Revision scheitert, welche Folgen erwarten Sie für Investitionen und Know-how am Standort Schweiz in den nächsten fünf Jahren, und wie weit liessen sich diese später noch rückgängig machen?
OD: Wir riskieren den Weggang von Ressourcen, Fachkräften und technologischem Know-how. Was einmal ins Ausland verlagert wurde, kommt nicht zurück. Der Verlust dieser Kompetenzen wäre langfristig kaum rückgängig zu machen und würde die industrielle sowie sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit der Schweiz enorm schwächen.
Können Sie an einem konkreten Beispiel zeigen, wie die heutigen Schweizer Exportregeln dazu führen, dass ein ausländischer Kunde einen Auftrag anderswo vergibt?
OD: Beim deutschen Vertrag für den Skyranger brauchte es die deutsche Muttergesellschaft, sonst wäre der Vertrag nicht zustande gekommen. Das zeigt das Problem deutlich: Was hindert die Kunden daran, künftige Verträge vollständig in Deutschland abzuwickeln, statt Schweizer Unternehmen einzubeziehen?
Hinter grossen Herstellern stehen zahlreiche Schweizer Zulieferer. Wie würde sich der Verlust eines internationalen Auftrags auf diese KMU auswirken, auch auf jene, die überwiegend für zivile Märkte produzieren?
OD: Aktuell rechnen wir mit einem Faktor von vier: Für jeden direkt geschaffenen Arbeitsplatz entstehen bei den Zulieferern rund vier weitere Arbeitsplätze. Ein verlorener Auftrag trifft deshalb nicht nur den Hersteller, sondern die gesamte Wertschöpfungskette – auch viele KMU, die überwiegend zivile Märkte bedienen.
Herr DĂĽrr, unter Ihrer FĂĽhrung sind Umsatz und Belegschaft bei Rheinmetall stark gewachsen. Gleichzeitig warnen Sie vor einer Abwanderung der RĂĽstungsindustrie aus der Schweiz. Wie passt das zusammen?
OD: Das stimmt, wir erleben aktuell ein starkes Wachstum. Ein negativer Entscheid zur KMG-Revision würde aber sowohl unsere Eigentümer als auch unsere Kunden stark negativ beeinflussen. Langfristig würden dadurch Investitionen und Arbeitsplätze gefährdet und die Schweiz als Industriestandort geschwächt.
