Die Meldungen kamen in kurzer Folge und treffen Winterthur hart: Nach Burckhardt Compression plant auch Zimmer Biomet einen massiven Stellenabbau. Zwei Unternehmen aus unterschiedlichen Industriebranchen, zwei verschiedene Begründungen – und doch stellt sich dieselbe Frage: Wie wettbewerbsfähig ist der Produktionsstandort Schweiz noch?
Der Werkplatz Schweiz verfügt weiterhin über starke Trümpfe: hervorragend ausgebildete Fachkräfte, hohe Produktivität, leistungsfähige Forschungsinstitutionen, politische Stabilität und eine einzigartige industrielle Basis. Doch die Standortkosten sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und werden für die Tech-Industrie zunehmend zur Belastung.
Der Standortnachteil wächst
Dabei geht es nicht allein um das hohe Lohnniveau. Hervorragende Fachkräfte sind ihren Preis wert. Entscheidend ist vielmehr das Gesamtpaket aus Lohn, Lohnnebenkosten und geleisteter Arbeitszeit. Steigende Lohnnebenkosten und eine sinkende effektive Arbeitszeit schwächen die Standortattraktivität der Schweiz.
Zudem müssen Unternehmen immer mehr Ressourcen für administrative und regulatorische Aufgaben einsetzen. Neue Register-, Dokumentations- und Compliance-Pflichten mögen einzeln verkraftbar sein, verursachen in der Summe aber erhebliche Zusatzkosten ohne Mehrwert. Dadurch fehlen Mittel für wertschöpfende Aufgaben wie die Entwicklung neuer Produkte, die Gewinnung von Kunden oder die Verbesserung von Produktionsprozessen.
Auch Bauinvestitionen sind längst kein Spaziergang mehr. Komplexe Vorschriften, langwierige Bewilligungsverfahren und weitreichende Einsprachemöglichkeiten verzögern Neubauprojekte oder die Erweiterung von bestehenden Werken oft um Monate, teilweise sogar Jahre. Im Weiteren besteht bei der Verkehrsinfrastruktur, inkl. Strassenverkehr, ein grosses Verbesserungspotenzial. Sie ist insbesondere auch für Schichtarbeitende wichtig.
Wettbewerbsfähigkeit ist kein Selbstläufer
All diese Hemmnisse verschaffen Ländern, die schneller entscheiden und unbürokratischer handeln, einen Wettbewerbsvorteil.
Die Schweiz wird nie ein Billigstandort sein. Entscheidend ist, wie viel Wertschöpfung zu welchen Gesamtkosten möglich ist. Es braucht Rahmenbedingungen, die eine konkurrenzfähige Produktion ermöglichen – sonst wandert sie ab. Wie rasch industrielle Substanz verloren gehen kann, zeigt Deutschland: Seit 2019 sind dort rund 420'000 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe weggefallen.
Die Politik muss die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz wieder ins Zentrum stellen. Dafür braucht es einen gesetzlichen Rahmen, der Investitionen erleichtert: weniger Bürokratie, schnellere und effizientere Bewilligungsverfahren sowie keine neuen finanziellen Belastungen wie höhere Lohnnebenkosten.
Die Nachrichten aus Winterthur sind ein Weckruf. Der Erfolg des Werkplatzes Schweiz ist nicht auf ewig garantiert. Internationale Konzerne entscheiden aus globaler Perspektive, wo sie investieren, produzieren und Arbeitsplätze schaffen. Auch exportorientierte KMU sind auf gute Rahmenbedingungen angewiesen, damit sie ihre Kräfte auf wertschöpfende Tätigkeiten konzentrieren können.
Jetzt braucht es entschlossenes Handeln von Politik und Wirtschaft. Denn jede verlagerte Produktionslinie und jeder gestrichene Arbeitsplatz schwächen den Werkplatz Schweiz.
