Das FHA zwischen der EFTA und den Mercosur-Staaten (ausser Bolivien) wurde am 16. September 2025 unterzeichnet. Bolivien hat die Möglichkeit nachträglich in das FHA einzutreten und müsste es dafür ratifizieren. Bevor es in Kraft treten kann, muss es noch von den Parlamenten aller EFTA- und Mercosur-Staaten ratifiziert werden. In der Schweiz wird die parlamentarische Beratung voraussichtlich 2026 abgeschlossen. Nach einer allfälligen Zustimmung des Parlaments unterliegt das Abkommen dem fakultativen Referendum, das höchstwahrscheinlich ergriffen wird.
«Für mich ist dieses Abkommen weit mehr als ein Zollabbau. Es schafft die Grundlage für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, für den Austausch von Technologie und Know-how sowie für langfristige Investitionen. Schweizer Unternehmen bringen Innovation und Spitzentechnologie ein und treffen in den Mercosur Staaten auf dynamische Märkte mit grossem Potenzial. Genau aus dieser Verbindung entstehen neue Chancen und nachhaltiger Mehrwert für beide Seiten.»
FHA Mercosur: Der Schlüssel zu Südamerika
Das FHA wird die Schweizer Ausfuhren stark begünstigen, da rund 96% der Exporte der Tech-Industrie in die Mercosur-Staaten nach Ablauf der Zollabbaufristen vollständig zollbefreit werden. Angesichts der aktuell sehr hohen Zölle der Mercosur-Staaten sind die erwarteten Zolleinsparungen für die Schweizer Wirtschaft beträchtlich. Das Zolleinsparungspotenzial liegt damit in derselben Grössenordnung wie für das Abkommen mit Indien.
Neben dem Abbau tarifärer Schranken soll das Abkommen auch technische Handelshemmnisse beseitigen, den Marktzugang für Dienstleistungserbringer vereinfachen, neue Möglichkeiten im öffentlichen Beschaffungswesen eröffnen und den Schutz des geistigen Eigentums verbessern. Ferner soll das Abkommen eine Schlechterstellung gegenüber Unternehmen aus der EU verhindern. Das Abkommen zwischen der EU und Mercosur ist seit dem 1. Mai 2026 vorläufig in Kraft getreten.
Rohstoffe, Agragproduktion und erneuerbare Energie
Die Region leistet einen grossen Beitrag zur Ernährung der Welt und verfügt über bedeutende Vorkommen kritischer Rohstoffe wie Lithium, Eisenerz und Bauxit. Diese Rohstoffe sind zentral für industrielle Wertschöpfung, moderne Infrastruktur, technische Geräte und den Umbau der Energieversorgung. Gleichzeitig nimmt insbesondere Brasilien bei erneuerbaren Energien eine starke Position ein: Über 90 Prozent der Stromerzeugung stammt aus erneuerbaren Quellen – ein Weltrekord. Die Stromerzeugung allein reicht allerdings nicht aus. Der Strom muss auch effizient und zuverlässig über grosse Entfernungen transportiert werden – von den Erzeugungsorten zu den Wohnorten der Menschen und den Standorten der Industrie. Hier kommen Schweizer Produkte und Technologien ins Spiel.
Strukturelle Herausforderungen bremsen das Potenzial
Trotz des grossen Potenzials steht die Region vor grossen strukturellen Herausforderungen. In vielen Städten ist die Infrastruktur veraltet: In Brasilien gehen bei der Wasserversorgung mehr als 40% des Trinkwassers durch undichte Leitungen verloren und ein Grossteil des Trinkwassers wird stark verschmutzt. Auch die Energieübertragung über weite Distanzen bleibt eine technische Herausforderung. Hinzu kommen Unterinvestitionen in der Industrie, eine hohe Steuerkomplexität und regulatorische Hürden, welche Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit bremsen. Wachsende Städte benötigen zudem bezahlbaren Wohnraum und wirksame Schutzsysteme gegen Naturgefahren wie Erdrutsche in dicht besiedelten Gebieten.
Schweizer Technologie als Katalysator
Genau hier können Schweizer Unternehmen einen wichtigen Beitrag leisten. Ihre Stärke liegt nicht im Volumen, sondern in Präzision, Qualität, Langlebigkeit und Effizienz. Schweizer Technologie kann vor Ort helfen, konkrete Probleme zu lösen: Sensoren, digitales Monitoring und moderne Übertragungstechnik tragen dazu bei, Wasserverluste zu reduzieren und Stromnetze stabiler zu machen. Hochwertige Maschinen erhöhen die Produktivität in der Landwirtschaft, ohne dass dafür zusätzliche Flächen erschlossen werden müssen. Bautechnologien und Geoschutzsysteme unterstützen schon heute sichere Infrastrukturen und schützen Menschen in besonders gefährdeten Gebieten.
Der Mercosur ist wie ein leistungsstarker Motor, dem noch die Präzisionsteile fehlen, um auf Hochtouren zu laufen. Schweizer Unternehmen liefern genau diese Komponenten: Hightech-Maschinen, digitale Lösungen, langlebige Infrastrukturtechnologien und nachhaltiges Know-how. Das Freihandelsabkommen ist damit nicht nur ein handelspolitisches Instrument, sondern eine Eintrittskarte für Schweizer Firmen, um dort anzuknüpfen, wo der Mercosur wachsen will: bei nachhaltiger Produktivität, moderner Infrastruktur und zukunftsfähiger Entwicklung.
Konkrete Auswirkungen des FHA für die Tech-Industrie
Das Freihandelsabkommen ist für die Schweizer Tech-Industrie – insbesondere für exportierende KMU – von grosser Bedeutung. 2025 exportierte die Branche Waren im Wert von rund 530 Millionen Franken in die Mercosur-Staaten. Mit dem Inkrafttreten des Abkommens dürfte dieser Wert weiter steigen.
Wichtige Schweizer Exportprodukte aus dem Industriebereich, die durch das Abkommen zollfreien Zugang in den Mercosur-Staaten erhalten, sind unter anderem:
- Maschinen (HS-Kapitel 84): 95,3% der Importe von Schweizer Maschinen durch Mercosur werden präferenziell behandelt, wovon 95,0% zollfrei sind.
- Präzisionsinstrumente (HS-Kapitel 90): 96,5% der Importe werden präferenziell behandelt, und 93,9% sind zollfrei.
- Elektrische Maschinen (HS-Kapitel 85): 92,1% der Importe fallen unter die präferenzielle Behandlung, davon 92,0% zollfrei.
Die Zollfreiheit für diese Produkte wird teilweise mit Übergangsfristen (von 4, 8, 10 und maximal 15 Jahren) umgesetzt.
Über den reinen Zollabbau hinaus soll das FHA eine Plattform zur weiteren Handelsliberalisierung und zur Weiterentwicklung der Wirtschaftsbeziehungen bieten.
Konkrete Auswirkungen des FHA für Mercosur
Da die Schweiz bereits unilateral die Zölle auf Industrieprodukte abgeschafft hat, fallen die grössten Handelserleichterungen im Agrarbereich an, primär in Form von bilateralen Zollkontingenten. Diese Kontingente umfassen unter anderem Rindfleisch, Geflügelfleisch, Soja- und Erdnussöl, Olivenöl, Weizen, Futtergetreide, Honig und Rotwein. Insgesamt wurden 25 bilaterale Kontingente gewährt, von denen 14 zollfrei sind. Deren Beschränkung verhindert einen Preiszerfall in der Schweiz.
Freihandelsabkommen fördern wirtschaftliches Wachstum und schaffen damit die Grundlage für sozialen und ökologischen Fortschritt. Das Engagement von Schweizer Firmen kurbelt die Wirtschaftsleistung an, schafft Arbeits- und Ausbildungsplätze und stärkt damit auch die Menschenrechts- und Umweltstandards vor Ort.
Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und Umweltschutz in Freihandelsabkommen
Das Freihandelsabkommen zwischen der EFTA und den Mercosur-Staaten zeigt, wie wirtschaftliche Öffnung und nachhaltige Entwicklung miteinander verknüpft werden können. Es enthält ein verbindliches Kapitel zu Handel und nachhaltiger Entwicklung, dass die Umsetzung zentraler Arbeitsrechte (ILO) sowie internationaler Umweltabkommen wie des Pariser Klimaübereinkommens festschreibt.
Beide Seiten verpflichten sich mit dem FHA, ihre Umwelt- und Sozialstandards nicht abzusenken, um Wettbewerbsvorteile zu erzielen, und ihre Gesetze in diesen Bereichen wirksam anzuwenden. Zur Sicherstellung dieser Verpflichtungen sieht das Abkommen transparente Konsultations- und Überwachungsmechanismen vor. Ein unabhängiges Expertenpanel kann bei Streitfällen Empfehlungen veröffentlichen – ein Schritt hin zu mehr Rechenschaft und messbarem Fortschritt.
Gleichzeitig eröffnet das Abkommen mit den Mercosur-Staaten neue Chancen für Investitionen, Technologietransfer und Armutsreduktion. So wird Handel zum Motor für sozialen und ökologischen Fortschritt.
Keine Benachteiligung gegenüber europäischen Mitbewerbern
Da die EU im Januar 2026 ein eigenes Abkommen mit dem Mercosur unterzeichnet hat, ist ein rasches Inkrafttreten des EFTA-Abkommens für die Schweiz essenziell. Es verhindert, dass Schweizer Unternehmen gegenüber EU-Konkurrenten durch Zolltarife von bis zu 35 Prozent benachteiligt werden. In schnell wachsenden Märkten ist der frühe Markteintritt entscheidend, um Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Institutionalisierter Dialog für künftige Verbesserungen
Um den Schutz des geistigen Eigentums kontinuierlich weiterzuentwickeln, haben die Vertragsparteien vereinbart, den Fachdialog aktiv fortzusetzen. Dies stellt sicher, dass das Abkommen dynamisch bleibt und auch künftig Anpassungen an technologische oder wirtschaftliche Entwicklungen vorgenommen werden können, um die Interessen der Schweizer Akteure zu wahren.
Schutz des geistigen Eigentums über TRIPS-Standard
Das Abkommen regelt zentrale Bereiche des geistigen Eigentums, einschliesslich Marken, Urheberrechte und der Rechtsdurchsetzung. Es schafft eine erhöhte Rechtssicherheit und sieht Schutzstandards vor, die teilweise über das TRIPS-Abkommen der WTO hinausgehen. Dies ist für die innovationsgetriebene Schweizer Wirtschaft von zentraler Bedeutung, um geistiges Eigentum in der Region wirksam abzusichern.

