Qualität bleibt eine Schweizer Stärke. Doch Qualität allein gewinnt den Wettbewerb nicht mehr. Diese Erkenntnis zog sich wie ein roter Faden durch das 24. Swissmem Symposium. Unter dem Titel «Schweizer Qualität in chinesischer Geschwindigkeit» diskutierten über 200 Teilnehmende, Unternehmer und Experten darüber, wie die Schweizer Tech-Industrie in einem zunehmend härteren globalen Wettbewerb bestehen kann.
Dabei ging es einen Tag lang intensiv um China. Vor allem aber ging es um die Schweiz: um Geschwindigkeit, Innovationskraft, Kundennähe und die Frage, welche unserer Stärken wir bewahren müssen – und wo wir uns verändern müssen.
Swissmem Präsident Martin Hirzel setzte zu Beginn den Rahmen: Die Schweiz müsse nicht China werden. Die chinesische Konkurrenz dürfe aber auch nicht auf staatliche Subventionen und Industriepolitik reduziert werden. Chinesische Unternehmen hätten technologisch und qualitativ stark aufgeholt, entwickelten schnell und brächten neue Lösungen mit hoher Geschwindigkeit in den Markt.
Für die Schweizer Industrie bedeutet das: Qualität muss bleiben – Geschwindigkeit muss dazukommen.
Hirzel rief die Unternehmen deshalb dazu auf, China, seine KundenbedĂĽrfnisse und seine Funktionsweise besser zu verstehen. Gleichzeitig brauche die Schweiz Rahmenbedingungen, die Innovation und die rasche EinfĂĽhrung von Zukunftstechnologien erleichtern.
hpo forecasting
Dass der konjunkturelle Rückenwind dabei vorerst begrenzt bleiben dürfte, zeigte Josua Burkart, Managing Partner von hpo forecasting. Die Industrie bewege sich aus seiner Sicht eher in einem flachen Aufschwung als in einer kräftigen Erholung. Insbesondere der deutsche Maschinenbau kämpfe neben konjunkturellen auch mit strukturellen Problemen. China wiederum setze seine industriepolitische Expansion fort und erhöhe über den Export den Druck auf die internationalen Märkte. Für die Schweiz zeigte sich Burkart dennoch verhalten optimistisch.
Premium wird neu definiert
Wie fundamental sich der Wettbewerb verändert, machten Phil Klemens von Infront Consulting und Franc Kaiser von InterChina Consulting deutlich.
Chinesische Maschinenbauer treten längst nicht mehr nur über den Preis an. Sie verbinden zunehmend High Tech, High Speed und Low Cost. Gleichzeitig haben sich die Erwartungen der Kunden verändert. Maximale technische Perfektion um jeden Preis ist nicht automatisch das attraktivste Angebot.
Premium bedeutet zunehmend etwas anderes: einen schnellen und stabilen Ramp-up, Flexibilität, einfache Prozesse, verlässlichen Service und einen klaren wirtschaftlichen Nutzen.
Damit gerät ein klassisches Erfolgsrezept europäischer und Schweizer Hersteller unter Druck. Chinesische Anbieter gewinnen gerade dort Marktanteile, wo europäisches Premium zu komplex, zu teuer oder zu langsam geworden ist. Der technologische Vorsprung westlicher Maschinenbauer schmilzt – und chinesische Wettbewerber investieren massiv, um auch die verbleibenden Lücken zu schliessen.
Die Konsequenz: Unternehmen müssen China gleichzeitig als Wettbewerber, Markt, möglichen Partner und potenziellen M&A-Akteur analysieren. Auch ein bewusster Rückzug aus einzelnen Segmenten kann Teil einer Strategie sein.
Die Flucht in die immer höhere Nische reicht nicht
Netstal,
Renzo Davatz, CEO von Netstal, nahm diesen Gedanken aus der Perspektive eines Schweizer Maschinenbauers auf. Im Spritzgiessmaschinenmarkt sei es zunehmend schwierig, sich allein über Technologie zu differenzieren. Wissen sei weltweit verfügbar, chinesische Hersteller verfügten über enorme Skaleneffekte – und Kostenführerschaft sei für Schweizer Anbieter kaum erreichbar.
Die Antwort könne deshalb nicht darin bestehen, einfach noch exklusivere und technisch perfektere Maschinen zu bauen.
Netstal entwickelt sich stattdessen stärker in Richtung integrierter Systeme. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Maschine schneller oder präziser ist, sondern ob das Gesamtsystem dem Kunden tiefere Stückkosten, einfachere Prozesse und eine hohe Robustheit ermöglicht.
Damit verändert sich auch der Verkauf: Nicht einzelne technische Kennzahlen müssen im Vordergrund stehen, sondern der konkrete Mehrwert für den Kunden.
Wie stark ist China wirklich?
Am Nachmittag trafen schliesslich zwei sehr unterschiedliche Lesarten der chinesischen Stärke direkt aufeinander.
Barnaby Skinner, stv. Chefredaktor der NZZ, stellte sich gegen das Narrativ eines unaufhaltsamen chinesischen Aufstiegs. China sei ausserordentlich stark darin, bestehende Technologien zu optimieren, zu skalieren und mit hoher Geschwindigkeit auf den Markt zu bringen. Wirklich disruptive Innovation – der Sprung von «0 auf 1» – brauche jedoch Freiheit im Denken.
Hier sieht Skinner weiterhin einen grundlegenden Vorteil westlicher Gesellschaften. Politische Freiheit, offene Forschung, Vertrauen in junge Menschen und die Möglichkeit, Autoritäten infrage zu stellen, seien zentrale Voraussetzungen für Erfindergeist. Europa solle deshalb aufhören, sich selbst kleiner zu machen.
Diese Einschätzung blieb nicht unwidersprochen.
Die Unternehmer und China-Experten auf dem Podium hielten dagegen, dass niemand, der chinesische Wettbewerber im Unternehmensalltag erlebt, deren Geschwindigkeit, Lernfähigkeit und Marktstärke unterschätzen dürfe. Chinesische Firmen lernen durch konsequentes «Learning by Doing», bringen Produkte früh auf den Markt und verbessern sie anschliessend mit hohem Tempo.
Gerade diese Kontroverse machte deutlich: China weder zu überschätzen noch zu unterschätzen, gehört zu den anspruchsvollsten strategischen Aufgaben der nächsten Jahre.
Der Blick aus Taiwan zeigt einen Schweizer blinden Fleck
Besonders aufschlussreich war deshalb die Perspektive von Patrick Chen, Präsident der Taiwan Machine Tool & Accessory Builders’ Association TMBA und General Manager von YCM.
Aus taiwanischer Sicht geniessen Schweizer Werkzeugmaschinen weiterhin einen hervorragenden Ruf für Technologie und Qualität. Doch Chen benannte auch Schwächen: bei Service, Zuverlässigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und der Verbindung einzelner Produkte zu einem leistungsfähigen Gesamtökosystem.
Taiwans eigene Industrie habe gelernt, dass nicht allein die Maschine entscheidet. Kurze Reaktionszeiten in der Lieferkette, After-Sales-Service und enge Verbindungen zwischen Herstellern, Zulieferern und Kunden können ebenso entscheidend sein.
Für die Schweiz ist das eine unbequeme, aber wichtige Botschaft: Exzellente Technologie ist nur dann ein Wettbewerbsvorteil, wenn sie auch schnell und zuverlässig beim Kunden Wirkung entfaltet.
Geschwindigkeit ist kein Selbstzweck
Dass Geschwindigkeit mehr bedeutet als einfach schneller zu arbeiten, zeigte Owen McClave, CEO der SR Technics Group.
Er versteht «Velocity» als Kulturwandel. Ziel ist es, Reibungsverluste zu erkennen und zu eliminieren, Verantwortung dorthin zu geben, wo Entscheidungen getroffen werden können, funktionsübergreifend zusammenzuarbeiten und Mitarbeitende zu ermutigen, kalkulierte Risiken einzugehen.
Für ein Unternehmen aus der sicherheitskritischen Luftfahrtindustrie ist dabei eines zentral: Geschwindigkeit darf die Qualität der Marke «Swiss Made» nicht verwässern. Es geht nicht um Hektik, sondern darum, schneller in die richtige Richtung zu kommen.
Diesen Gedanken griff Anja Fiedler, CEO von Switzerland Global Enterprise, unmittelbar auf: «Geschwindigkeit ohne Orientierung kann teuer werden.»
Gerade kleinere und mittlere Unternehmen müssten besser verstehen, welchen geopolitischen Risiken ihre Lieferketten tatsächlich ausgesetzt seien. In einer Welt neuer Handelskonflikte, Abhängigkeiten und Industriepolitiken reicht Geschwindigkeit allein nicht. Unternehmen müssen die neuen Spielregeln verstehen und ihre Märkte, Lieferketten und Investitionen entsprechend ausrichten.
Ein Blick zurück – und nach vorne
Zum Abschluss weitete Dr. Costa Vayenas, CIO von Genesis Investment Management, den Zeithorizont erheblich. Er zeichnete die Entwicklung des Schweizer Frankens ĂĽber mehr als zwei Jahrhunderte nach.
Seine historische Betrachtung zeigte eine bemerkenswerte Konstante: Während Währungen rund um die Schweiz infolge von Kriegen, Inflation, Staatsverschuldung und politischen Umbrüchen immer wieder massiv an Wert verloren, erwies sich der Schweizer Franken langfristig als aussergewöhnlich stabil.
Dahinter steht mehr als Geldpolitik. Die Schweiz profitierte ĂĽber lange Zeit von starken Institutionen, Dezentralisierung, Gewaltenteilung und einer vergleichsweise verantwortungsvollen Finanzpolitik.
Damit endete das Symposium mit einer wichtigen Einordnung der zuvor intensiv diskutierten Herausforderungen: Die Schweiz erlebt nicht zum ersten Mal fundamentale Verschiebungen ihrer wirtschaftlichen und geopolitischen Umgebung. Sie hat solche Umbrüche in der Vergangenheit immer wieder bewältigt.
Schweizer Qualität – neu gedacht
Was bleibt also vom 24. Swissmem Symposium?
👉 Qualität ist nicht weniger wichtig geworden. Aber sie muss heute umfassender verstanden werden. Zur technischen Präzision müssen Geschwindigkeit, Kundennähe, Service, Einfachheit und wirtschaftlicher Nutzen hinzukommen.
👉 China zwingt die Schweizer Industrie dabei nicht, ihre Identität aufzugeben. Es zwingt sie vielmehr dazu, ihre Stärken weiterzuentwickeln.
👉 Die Schweiz verfügt weiterhin über hervorragende Unternehmen, technologisches Know-how, ein starkes Bildungssystem, politische Stabilität und belastbare Institutionen. Diese Voraussetzungen sind keineswegs selbstverständlich. Zu ihnen gilt es Sorge zu tragen – und sie gleichzeitig kontinuierlich zu verbessern.
DafĂĽr setzt sich Swissmem ein.